| Teil I: Phänomenologie des Sprachorientierungsunterrichts 1. Einordnung des Sprachorientierungsunterrichts in den Bildungsraum. |
| Bei der Strukturanalyse dessen, was das - in ILo und manche andere Sprachen schwer übersetzbare - deutsche Wort "Unterricht" (instrusituacio) bezeichnet, geht Paul Heimann (1962, S. 415f.) |
| "phänomenologisch von dem aus, als was sich der
Unterricht ,von sich selbst her' zeigt. In laiensprachlicher Formulierung
ließe sich dann etwa sagen: im Schul-Unterricht geht es offenbar
immer darum, irgendwelche Gegenstände (Lernanlässe) in
bestimmter Absicht (zu Lernzwecken) und in bestimmten Situationen
in den Erkenntnis-, Erlebnis- und Tätigkeits-Horizont von Kindern
oder Jugendlichen zu bringen, wobei man sich bestimmter Verfahrensweisen
und Medien bedient. ..."
"Aller Unterricht ist offenbar so gebaut, daß in ihm immer folgende formal konstant bleibenden, inhaltlich variablen Elementarstrukturen gegeben sind: solche intentionaler, inhaltlicher, methodischer, medien-bedingter, anthropologisch-psychologischer und situativ-sozial-kultureller Art. ..." "Wir sprechen mit Rücksicht auf diese formale Regelhaftigkeit von der Intentionalität, Inhaltlichkeit, Methoden-Organisation, Medienabhängigkeit und anthropologischen sowie sozial-kulturellen Determination aller Unterrichtsverläufe. Jede Unterrichtsanalyse beginnt deshalb zweckmäßig mit der Aufweisung dieser kategorial eindeutig bestimmbaren Strukturen ... ." |
| Die kybernetische Pädagogik (Bil-dungskybernetik) übernahm diese Komponentenzerlegung (zuerst in Frank, 1965, S. 18), verallgemeinerte sie über den Schulunterricht hinaus auch auf die universitäre Lehre und die Erwachsenenbildung, interpretierte die sechs "Elementarstrukturen" als Dimensionen eines sechsdimensionalen Bildungsraums (oder "pädagogischen Raums"), nämlich als Komponenten des dort durch einen Punkt repräsentierten Unterrichts (Bild 1.1), gab ihnen neue Namen und versuchte ihre Vollständigkeit durch die folgende Überlegung verständlich zu machen. |
Bild 1.1: Die Dimensionen des Bildungsraums. (Nach Frank / Meder, 1971,
S. 36, verändert.)
| Im Unterricht erfolgt
- ein Lernen in einem "Lernsystem" P, und zwar nicht ohne Hilfe (nicht "forschend"), sondern gefördert (d.h. bewirkt oder wenigstens erleichtert) durch |
| - (steuernde oder regelnde) Einflußnahme seitens eines lernfördernden Systems Q, dessen Verhaltensweise B ("behavior") und materielle oder informationelle (semiotische, speziell sprachliche) Ausdrucksmittel M (Medium) wesentliche Bestandteile des Unterrichts sind; dieser ist im übrigen |
| - in eine (natürliche, technische, gesellschaftliche) Lernumwelt (S) als einer zusätzlichen Quelle möglicher Einflüsse auf den Lernprozeß eingebettet(Bild 1.2) |
Bild 1.2: Allgemeine Unterrichtsstruktur. (Nach Frank, 1984, S. 24,
verändert.)
| Wollte man den Begriff des Unterrichts nur aufgrund dieser Komponentenzerlegung des Unterrichts definieren, dann würde die Definition weder alle wesentlichen Komponenten herausstellen und wäre in diesem Sinne uneindeutig, noch würde sie die zu berücksichtigenden Verwirklichungsmöglichkeiten jeder Komponente befriedigend berücksichtigen, wäre also zu weit. |
| Die mangelnde Eindeutigkeit besteht darin, daß nur der Realverlauf des Unterrichts betrachtet wird, der diesen oder jenen Sinn haben kann. Eine universitäre Lehrveranstaltung, in welcher ein Dozent Studierenden, die gerade innerhalb von zwanzig Stunden eine elementare ILo-Verständnisfähigkeit erworben hatten, in ILo Sinn und Wesen der Internationalen Akademie der Wissenschaften (AIS) San Marino darlegt, kann den Zweck haben, die Studierenden auf eine Teilnahme an einer Studientagung der AIS vorzubereiten, oder eine organisatorische Möglichkeit einer interkulturellen Universitätspädagogik aufzuzeigen. Dann bilden Sinn und Wesen der AIS den Inhalt (Lehrstoff L), die Absicht (Lehrziel Z) ist eine gewisse Kompetenz bei der Anwendung der gegebenen Informationen, und ILo gehört zum Vermittlungs-Medium M (genauer: zu dessen semiotischer Seite). Der Zweck kann aber auch im Üben des ILo-Verstehens bestehen, wobei die Wirksamkeit des Unterrichts dadurch erhöht wird, daß zur Motivation eine Einrichtung besprochen wird, die ILo ständig praktisch benutzt. Dann ist der Lehrstoff L das gesprochene ILo, das Lehrziel Z die höhere Verstehenskompetenz, und das die AIS betreffende Thema läßt Beispiele für den richtigen Gebrauch von Präpositionen, Verbformen usf. erzeugen, die zur Methode B gehören. Sie bildet das Lehrsystem Q - zusammen mit der Gesamtheit des Mediums M (zu welcher - erstens - die Stimme und die anderen "natürlichen" Ausdrucksmittel des Dozenten gehören, zweitens eine Tafel, Kreide und andere Lehrmittel und drittens auch Lernmittel der Studierenden, z.B. ein Blatt mit einer Auflistung der Tabellwörter). Zur vollständigen Beschreibung des Unterrichts gehören also - neben den Realkomponenten P, Q = (B, M) und S - auch die beiden Sinnkomponenten L und Z. |
| Die zu große Weite einer Definition des Begriffs Unterricht, die nur seine bisher erwähnten Eigenschaften berücksichtigt, besteht darin, daß sie ihn nicht abgrenzt gegenüber |
| a) dem Dressieren von Tieren und dem Programmieren von Automaten - das schließen wir durch die Forderung aus, daß das (dann "personale") Lernsystem P ein menschliches Individuum, eine Klasse individuell lernender Menschen oder eine Gruppe von Menschen sein muß, die miteinander kommunizieren sollen; |
| b) einem Lernen, welches Q durch sein Verhalten unabsichtlich förderte - dieses schließen wir durch die Forderung aus, daß Q das Lernen von P absichtlich bewirkt oder erleichtert, also (beim "personalen" oder Direktunterricht) fördern will oder (beim "apersonalen", also "objektivierten" - z.B. rechnerunterstützten oder einem Videosystem übertragenen - Unterricht) fördern soll. |
| Die Fälle (a) und (b) ausschließend
definieren wir also:
"Lehren ist ein absichtliches Bewirken oder Erleichtern von Lernprozessen in Menschen" und nennen Q nur dann "Lehrsystem", wenn es in diesem Sinne lehrt (nicht dressiert oder programmiert, und auch nicht unabsichtlich "lehrreich" für menschliche Beobachter wird). |
| Damit wird "Unterricht" definierbar als Situation eines (personalen oder objektivierten) Lehrsystems und eines personalen Lernsystems in einer (eventuell störend oder stimulierend einwirkenden) Lernumwelt. Der Sinn (L, Z) des Unterrichts ist bei dieser Definition durch die Absichtlichkeit erfaßt, die Q erst zum Lehrsystem werden läßt. Jeder wirkliche oder verwirklichbare Unterricht - beispielsweise der Sprachorientierungsunterricht (SpOU) - ist also definiert durch die Beantwortung des folgenden Komplexes ("6-tupels") von Fragen: Wie (nach welchem B) wird was (welches L) womit (mit welchem M) wem (P) wobei (in welcher Lernumwelt S) wozu (zu welchem Z) gelehrt? Die Menge aller Antwort-6-tupel, die einen wirklichen oder verwirklichbaren Unterricht beschreiben, bilden den Inhalt des Begriffs "Unterricht" - wenn man die Vorgeschichte des wirklich stattgefundenen oder stattfindenden oder wenigstens schon oder augenblicklich geplanten Unterrichts, oder die Vorbereitungsarbeiten außer Betracht läßt, die nötig wären, wollte man einen möglichen Unterricht verwirklichen. Denn unter dem Gesichtspunkt seiner Entstehung ist eine wesentliche Merkmaldimension des Unterrichts - die zu den sog. "didaktischen Variablen" ("Bildungsvariablen" oder "Bildungsdimensionen") B, L, M, P, S und Z hinzukommt - daß er nicht durch ein zufälliges Zusammentreffen eines Fachlehrers mit fachlich interessierten, am selben Tisch sitzenden Biertrinkern in einem Restaurant stattfindet, sondern zumindest organisatorisch, normalerweise auch didaktisch geplant ist. |
| Beim organisatorischen Planen legt man vorab den geographischen Ort (Adresse, Raum), den Zeitpunkt (Datum, Stunde), die Dauer (in Minuten) und (durch die Namen der Personen oder Klassen) die Teilnehmer einschließlich ihrer finanziellen und sonstigen Rechte und Pflichten fest. |
| Beim didaktischen Planen einer einzelnen Lektion eines zu verwirklichenden Unterrichts sucht man nach möglichst genauer Information über sein Lehrziel Z und die anderen eventuell vorgeschriebenen Bildungsvariablen - die sog. "Bedingungsfelder". Dann entscheidet man, wie die Fragen bezüglich der nicht vorgeschriebenen Bildungsvariablen so beantwortet werden, daß der Unterricht verwirklichbar wird. (Z.B. kann einem [P:] Blinden [L:] ILo nicht mittels eines [M:] Diaprojektors gelehrt werden.) Eine Einzellektion dauert gewöhnlich zwischen 20 und 120 Minuten, so daß das Kurzgedächtnis (das für Minuten bis Stunden Gelerntes bewahrt) genügt, um den Lehrstoff soweit zu lernen, wie dies mit dem Lehrziel angestrebt wird. - Ein Unterricht ohne eine solche "didaktische Vorarbeit" heißt "Stegreifunterricht". Er ist in Schulen unvermeidlich, wenn ein Lehrer einen unvorhergesehen erkrankten Kollegen, der für ein anderes Fach zuständig ist, vertreten soll. |
| Wenn angestrebt wird, mehr Information zu lernen, als das Kurzgedächtnis fassen könnte, ist es nötig, einen ganzen Kurs als geeignet geordnete Aufeinanderfolge einzelner Lektionen zu planen, und dafür zu sorgen, daß das Lernen (durch Hausaufgaben und Wiederholungen von Teilinformationen in späteren Lektionen) durch das Langgedächtnis erfolgt (das für Monate bis Jahre Information bewahrt). Diese "makrodidaktische Arbeit" heißt "Lehrplanung" oder "Curriculumkonstruktion". |
| Unter Berücksichtigung auch der unverzichtbaren
Vorarbeiten, ist das, was man üblicher- und zweckmäßigerweise
"Unterricht" nennt, so zu definieren:
Unterricht ist eine zumindest organisatorisch geplante Situation eines (personalen oder objektivierten) Lehrsystems und eines personalen Lernsystems in einer eventuell zusätzliche Einflüsse ausübenden Lernumwelt. (Es gehört nicht zur Definition des Begriffs "Unterricht", daß der Unterricht den Umfang einer Lektion hat. Jedoch ist es notwendig, bei der Definition eines bestimmten Unterrichts anzugeben, für welchen Umfang er organisatorisch geplant ist.) |
| Die Definition unterstellt, daß schon klar ist, was "Lernen" bedeutet. Man erkennt das Lernen eines Systems an einer Änderung desselben, die bezüglich eines Ziels oder eines Wertmaßstabs eine Verhaltensverbesserung darstellt. Beispiele: ein Lernsystem macht weniger Fehler in einem fremdsprachlichen Diktat (kognitives Lernen), oder verrät ein stärkeres Gefühl des Abscheus gegen Sprachdiskriminierung (affektives Lernen), oder spricht einen fremdsprachlichen Laut geschickter aus (psychomotorisches Lernen). Aber menschliches Lernen ist meist schon erfolgt, bevor es erkannt wird: es ist also keine Verhaltensänderung sondern eine potentielle Verhaltensänderung aufgrund einer solchen Zustandsänderung des Lernsystems, daß dieses besser auf einen möglichen Reiz (d.h. in einer Problemsituation) reagieren wird. |
| Das Lernsystem P (Person, Personenmehrheit,
allgemein: "Psychostruktur") hat drei Komponenten (Merkmalsdimensionen),
nämlich
- Komplexität (Individuum? Klasse mit wieviel Lernern? Gruppe mit welchen Kommunikationsbeziehungen zwischen den Gruppenmitgliedern?) - Anfangszustand (Vorkenntnisse, Anfangsmotivation einschließlich eventueller Lern-ziele) - Übergangsgesetze von Zustand zu Zustand (Gesetze des Lernens, des Vergessens und der quantitativen und qualitativen Veränderung des Motiviertseins). |
Analysiert man grob den Sprachorientierungsunterricht (speziell den SpOU "nach dem Paderborner Modell") sozusagen als Punkt (B, L, M, P, S, Z) im sechsdimensionalen Bildungsraum, dann erhält man folgende, noch präzisierbare Komponenten: |
| P(SpOU): Klassen 8 - 10jähriger Grundschüler (im Falle des SpOU nach dem Paderborner Modell erfolgte die Teilnahme freiwillig). |
| Z(SpOU): Erleichterung des später (ab der Sekundarstufe I) beginnenden, üblichen Fremdsprachunterrichts. |
| L(SpOU): ungefähr 400 der ungefähr 15.250 ILo-Wortteile und 14 der 16 klassischen grammatischen Regeln von ILo. |
| M(SpOU): im Falle des Paderborner Modells zunächst der audiovisuelle Lehrautomat ROBBIMAT mit getrennten Antworteinheiten für jeden Lerner (Bild 1.3), dann der Lehrer mit seinen herkömmlichen Lehrmitteln. |
Bild 1.3: Antworteinheit des bei den ersten Versuchen zum SpOU nach
dem Paderborner Modell benutzten Lehrautomaten ROBBIMAT. (Aus Richter 1969,
S. 61)
| B(SpOU): für den objektivierten Unterricht ein etwa 20-minütiges Lehrprogramm nach der direkten Methode (d.h. unter ausschließlicher Benutzung von ILo) mit Entscheidungsantworten (ja / nein) oder Wahlantworten (A, B, C, D), dann etwa 70 Minuten personaler Unterricht nach einer herkömmlichen Methode des (indirekten) Fremdsprachunterrichts. |
| S(SpOU): schulische Lernumwelt (beim als Schulversuch realisierten Paderborner Modell: Randstunden des Vormittagsunterrichts oder am Nachmittag). |
Zu den organisatorischen Merkmalen gehört u.a., daß der SpOU nach dem Paderborner Modell im Februar 1975 begann, aus 80 audivisuellen Lektionen bestand, von denen in jeder Woche eine angeboten wurde, vom kybernetischen Institut des damaligen Landesforschungszentrum FEoLL wissenschaftlich überwacht wurde, die Gründung der "Gesellschaft für sprachgrenzübergreifende europäische Verständigung (Europaklub)" als organisatorischen Träger (der u.a. für die Versicherung der Schüler sorgte), erforderlich machte und die Schüler in jedem Halbjahr (zu je 20 Lektionen) 30,- DM kostete, wovon jene, die bis zum Ende des zweijährigen Kurses durchhielten, wie vorab angekündigt, die Hälfte zurückerhielten. |